Wie viele Frauen tragen keinen BH?

Die stille Mehrheit: Wie viele Frauen tragen heute noch täglich einen BH?

Irgendwann in den letzten Jahren hat sich etwas verschoben. Nicht laut, nicht mit Manifest – aber spürbar. Immer mehr Frauen legen morgens keinen BH an. Manche aus Überzeugung. Manche weil der Lockdown ihnen gezeigt hat, dass es ohne geht. Manche weil kein einziger BH in ihrer Schublade je wirklich gepasst hat.

Aber wie viele sind das eigentlich? Und was steckt hinter dieser Zahl – abseits von Trends und Schlagzeilen?

Was die Zahlen sagen – und was sie nicht sagen

Genaue, repräsentative Daten für Deutschland fehlen. Was es gibt, sind Marktforschungsdaten aus dem Handel und internationale Studien mit eingeschränkter Übertragbarkeit. Eine häufig zitierte Erhebung des US-amerikanischen Marktforschungsinstituts NPD Group zeigte bereits 2019, dass rund ein Viertel der Frauen zwischen 18 und 34 Jahren BHs in diesem Jahr bewusst nicht mehr kaufte – nicht weil sie schon genug hatten, sondern weil sie keinen wollten.

Nach dem Beginn der Coronapandemie 2020 verstärkte sich das nochmals messbar. Der weltweite Absatz klassischer Unterwäre-BHs sank laut Euromonitor-Daten in vielen westlichen Märkten zweistellig – während Bralettes, BH-lose Tops und Silikonaufkleber zulegten. Das ist kein Modezucker. Das ist ein struktureller Wandel im Kaufverhalten.

Jung, städtisch, bewusst – oder einfach schmerzgeplagt?

Studien aus Frankreich und Großbritannien zeigen: Die Gruppe der BH-freien Frauen ist keine homogene Lifestyle-Blase. Sie teilt sich grob in drei Typen – und nur einer davon ist die vielzitierte „Body-Positivity-Aktivistin“.

  • Junge Frauen mit kleinem Cup (überwiegend A–B): Sie haben oft nie einen BH gebraucht, der wirklich Halt geben musste. Für sie ist der BH kulturelle Erwartung, kein anatomisches Bedürfnis.
  • Frauen nach Passformproblemen: Sie haben jahrelang Modelle getragen, die drückten, schnitten oder verrutschten – und irgendwann aufgehört zu suchen. Kein BH zu tragen war für sie keine Entscheidung für etwas, sondern gegen Schmerzen.
  • Frauen mit größerem Cup, die gezielt geeignete Alternativen gefunden haben – Bralettes mit Unterbrustband, eingearbeitete Träger in Kleidung, Bustiers mit Stützkonstruktion.

Diese Unterscheidung ist nicht akademisch. Sie erklärt, warum „BH-frei“ für eine Frau Befreiung bedeutet und für eine andere schlicht das Ende einer langen Suche ohne gutes Ergebnis.

Drei nebeneinander dargestellte BH-Typen im Vergleich: klassischer Bügel-BH, Bralette ohne Bügel mit schmalem Unterbrustband, Bustier mit eingearbeiteter Stützkonstruktion – alle vollständig abgebildet von vorn, beide Träger sichtbar

Was die Forschung zu „kein BH“ und Brustgesundheit wirklich sagt

Eine viel zitierte Studie des französischen Sportmediziniers Jean-Denis Rouillon, durchgeführt an der Universität Franche-Comté über 15 Jahre, schloss aus eigenen Beobachtungen, dass BHs das Bindegewebe langfristig schwächen könnten. Diese Schlussfolgerung wurde medial massiv überinterpretiert. Die Studie war nicht randomisiert, die Stichprobe klein, die Methodik nie vollständig peer-reviewed veröffentlicht. Als Grundlage für pauschale Empfehlungen taugt sie nicht.

Was sich hingegen zeigt: Ein schlecht sitzender BH – Bügel, der gegen den Brustkorb drückt, Träger, die einschneiden, Band, das hochrutscht – kann Verspannungen in Schulter, Nacken und oberem Rücken begünstigen. Nicht der BH als solcher ist das Problem. Der falsch sitzende BH ist es. Das ist Erfahrungswissen aus der Beratungspraxis, das sich mit dem deckt, was Physiotherapeuten im klinischen Alltag beobachten.

Warum die Zahl steigt – und was sie über die Branche aussagt

Wenn immer mehr Frauen keinen BH tragen, ist das auch eine Kritik am Produkt. Nicht jede Frau, die ihren BH ablegt, tut das aus politischer Überzeugung. Viele tun es, weil kein BH auf dem Markt ihrem Körper gerecht wurde.

Die Konfektionsgrößen des klassischen BH-Systems – ein Unterbrustmaß, ein Cupbuchstabe – bilden die tatsächliche Brustvielfalt schlecht ab. Asymmetrien, unterschiedliche Brustansätze, flachere oder rundere Formen: All das lässt sich nicht in einem Raster aus 36B und 75C abbilden. Wer in diesem Raster nie eine passende Größe gefunden hat, zieht irgendwann die einfachste Konsequenz.

Seitenansicht zweier Brüste im BH-Vergleich – links: Bügel liegt flach am Brustkorb an, Cup schließt vollständig ab; rechts: Bügel drückt nach vorn weg, Stoff faltet am Cup-Rand – Passformfehler deutlich sichtbar, vollständiger BH abgebildet

Was das für dich bedeutet – falls du gerade überlegst

Ob du einen BH trägst oder nicht, ist keine moralische Frage. Es ist eine Frage, was dein Körper braucht und was dir guttut – körperlich, nicht ästhetisch.

Wenn du keinen BH trägst, weil du nie einen gefunden hast, der passt: Das ist ein lösbares Problem. Nicht jede Lösung heißt „klassischer Bügel-BH“. Aber die richtige Lösung zu finden braucht mehr als das nächste Produkt im Regal – sie braucht eine Vermessung, die über Unterbrustmaß und Cupbuchstabe hinausgeht.

Wenn du keinen BH trägst, weil du keinen brauchst oder keinen willst: Das ist eine vollständig legitime Entscheidung. Kein Körper schuldet der Außenwelt Unterwäsche.

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