Werden BHs tatsächlich seltener getragen?
Irgendwann in den letzten Jahren hat sich etwas verschoben. Nicht laut, nicht als Kampagne – einfach still. Frauen kamen morgens ins Büro ohne BH. Andere trugen ihn nur noch für bestimmte Anlässe. Wieder andere hörten ganz auf. Was früher fast unsichtbar zur Routine gehörte wie Zähneputzen, wird heute aktiv hinterfragt.
Die Frage ist nicht, ob das richtig oder falsch ist. Die Frage ist: Was steckt dahinter – und was bedeutet es für die Frauen, die weiterhin einen tragen oder sich gerade neu entscheiden?
Was die Zahlen zeigen
Der Markt für BHs ist messbar geschrumpft. Marktforschungsinstitute wie Euromonitor verzeichnen seit den frühen 2020er Jahren rückläufige Absatzzahlen in Westeuropa und Nordamerika – besonders bei klassischen Bügelkonstruktionen. Gleichzeitig wuchsen die Segmente für Bralettes, Bustiers ohne Bügel und sogenannte Bra Tops deutlich. Das heißt nicht, dass Frauen plötzlich ohne Unterstützung auskommen – es heißt, dass sich verändert hat, welche Art von Unterstützung sie wollen.
Der stärkste Einschnitt war die Pandemie. Homeoffice bedeutete: kein Grund, morgens einen Bügel-BH anzuziehen. Viele Frauen trugen monatelang keine – und merkten, dass sie es nicht vermissten. Für manche war das eine Befreiung. Für andere eine Überraschung: Der BH, den sie jahrelang getragen hatten, hatte ihnen nie wirklich gepasst.
Warum so viele aufgehört haben – und was das wirklich sagt
Wenn eine Frau sagt, sie trägt keinen BH mehr, weil er ihr wehtut, dann ist das kein Statement gegen den BH. Das ist ein Statement gegen einen BH, der schlecht sitzt. Ein Bügel, der ins Brustbein drückt, tut das nicht, weil Bügel grundsätzlich schmerzhaft sind. Er tut es, weil er nicht am Körper anliegt – weil die Cupgröße nicht stimmt oder der Schnitt nicht zur Brustform passt.
Schätzungen aus Fachkreisen – und meine eigene Erfahrung aus tausenden Anproben – gehen davon aus, dass die deutliche Mehrheit der Frauen über Jahre hinweg die falsche Größe trägt. Wer zehn Jahre lang in einem zu kleinen Cup steckt, der seitlich einschneidet, und in einem Band, das nach oben wandert, weil es zu weit ist – der verbindet BH mit Unbehagen. Nicht mit Unterstützung.
Der Unterschied zwischen Entscheidung und Erschöpfung
Es gibt einen wichtigen Unterschied, den ich in Beratungen oft anspreche: zwischen Frauen, die bewusst entscheiden, keinen BH zu tragen – und Frauen, die aufgehört haben, weil sie nie einen gefunden haben, der funktioniert.
Erstere haben eine echte Wahl getroffen. Letztere haben aufgegeben. Und Aufgeben ist keine Entscheidung – es ist Erschöpfung nach zu vielen schlechten Anproben, zu viel Geld für falsche Größen und zu wenig ehrlicher Beratung im Laden.
Wer eine volle Brust hat – ab Cup D aufwärts – trägt das Gewicht des Brustgewebes dauerhaft an Haut, Bändern und Rückenmuskulatur. Ohne Unterstützung verändert sich das Tragegefühl nicht sofort, aber über Jahre hinweg. Ob das individuell relevant ist, hängt von der Körperstatur, dem Alltag und der persönlichen Wahrnehmung ab. Es gibt keine universelle Antwort – aber es gibt eine Frage, die jede Frau nur für sich beantworten kann: Fühlt sich mein Körper ohne Unterstützung langfristig gut an, oder kompensiere ich gerade etwas?
Was der Markt daraus gemacht hat
Die Industrie hat reagiert – aber nicht immer in die richtige Richtung. Viele Hersteller haben auf den Trend reagiert, indem sie Produkte als „ohne BH-Gefühl“ vermarkten. Das klingt nach Lösung. Meistens bedeutet es: wenig Struktur, viel Stretch, kaum echte Unterstützung ab Cup C.
Bralettes und Bra Tops sind für viele Brustgrößen und -formen tatsächlich eine sinnvolle Alternative – wenn sie wirklich passen. Ein Bralette in S, M, L ist für eine Frau mit 80E so nützlich wie ein Schuh ohne Größenangabe. Das Brustgewebe braucht ab einer bestimmten Größe nicht weniger Konstruktion, sondern eine andere – eine, die hält, ohne einzuschneiden.

Was das für dich bedeutet – egal wie du dich entscheidest
Wenn du aufgehört hast, einen BH zu tragen, und dich dabei rundum wohlfühlst: gut. Dann passt das für dich. Niemand braucht einen BH, nur weil es so üblich ist.
Wenn du aufgehört hast, weil jeder BH, den du je getragen hast, unbequem war – dann hast du möglicherweise nie einen in deiner tatsächlichen Größe getragen. Das ist kein kleines Detail. Ein BH, der in der richtigen Größe sitzt, drückt nicht ins Brustbein, schneidet nicht seitlich ein und rutscht nicht auf dem Rücken nach oben. Er tut das alles nur, wenn er nicht passt.
Die Frage, ob BHs seltener getragen werden, ist interessant – aber sie ist nicht die wichtigste Frage. Die wichtigere lautet: Wer hat eigentlich je eine ehrliche Anprobe bekommen?