Historie

Von der Schnürung zur Stützfunktion: Wie der BH entstand – und warum er so lange brauchte

Fangen wir mit dem an, was die meisten nicht wissen: Der BH ist keine Erfindung des 20. Jahrhunderts. Er ist das Ergebnis von fast 2.000 Jahren Versuch, weibliche Brüste zu formen, zu binden, zu verbergen oder zu betonen – je nachdem, was die Gesellschaft gerade von Frauenkörpern verlangte. Was sich verändert hat, ist nicht der Wunsch nach Halt. Es ist die Frage, für wen dieser Halt eigentlich gedacht ist.

Antike: Binden statt Formen

Im antiken Griechenland trugen Frauen ein Stück Leinen oder Leder, das sie um die Brust wickelten – den sogenannten Apodesmos. Das war kein Kleidungsstück im heutigen Sinne. Es war eine Bandage. Ziel war nicht Unterstützung, sondern Abflachung. Sportliche Frauen banden die Brust eng, damit sie beim Bewegen nicht störte.

In römischen Mosaiken aus dem 4. Jahrhundert – unter anderem in der Villa Romana del Casale auf Sizilien – sieht man Frauen in etwas, das einem modernen Bikini-Oberteil täuschend ähnlich sieht. Zwei Streifen Stoff, einer unter der Brust, einer darüber. Das deutet darauf hin, dass es auch früh schon die Idee gab, die Brust zu heben statt zu flachen. Was genau diese Kleidungsstücke leisteten, wissen wir nicht. Wir sehen nur, dass es sie gab.

Historische Illustration eines griechischen Apodesmos – gewickelter Brustbandage – im Vergleich zu einem modernen Bralette, beide als Zeichnung nebeneinandergestellt

Das Mittelalter formte den Körper – von außen nach innen

Im europäischen Mittelalter verschwand die Idee der separaten Brustunterstützung weitgehend. Das Kleid selbst übernahm die Formgebung. Eingenähte Verstärkungen im Miederbereich drückten die Brust entweder nach oben – wie beim höfischen Dekolleté des Spätmittelalters – oder komprimierten sie flach unter schweren Stoffen. Die Brust existierte im Kleid, nicht darunter.

Das hatte praktische Konsequenzen: Wer keinen Schneider hatte, hatte auch keinen Halt. Unterstützung war ein Luxus, der in den Stoff eingearbeitet wurde – und damit für ärmere Frauen schlicht nicht existierte.

Das Korsett: 400 Jahre Missverständnis

Ab dem 16. Jahrhundert dominierte das Korsett – und es ist wichtig zu verstehen, was es eigentlich tat. Es formte nicht die Brust. Es formte den Torso. Die Taille wurde geschnürt, der Bauch flach gedrückt, der Rücken aufgerichtet. Die Brust wurde dabei nach oben und außen geschoben – als Nebeneffekt, nicht als Ziel.

Korsetts waren in ihrer Konstruktion außerordentlich komplex: Fischbein, später Stahl, in Lagen genähter Baumwoll- oder Seidenstoff, manchmal mit eingearbeiteten Brustplatten. Eine Schneiderin brauchte Tage für ein einziges Stück. Und die Trägerin brauchte jemanden, der ihr half, es anzuziehen. Selbstständiges Ankleiden war mit engem Korsett kaum möglich.

Was das für den Alltag bedeutete: Frauen, die körperlich arbeiteten – auf Feldern, in Fabriken, in Haushalten – trugen entweder lockere Varianten oder gar keine. Das strenge Korsett war, wie das Kleid mit eingenähtem Mieder vorher, ein Kleidungsstück der privilegierten Schichten. Die Vorstellung, alle Frauen hätten sich jahrhundertelang in Korsetts gezwängt, ist eine Vereinfachung.

1889: Eine Pariser Näherin stellt eine andere Frage

Herminie Cadolle gilt als eine der ersten, die das Korsett zweigeteilt haben soll. Ihre Konstruktion von 1889 trennte das Hüftmieder vom Brustbereich – der obere Teil stützte die Brust durch Träger von der Schulter, nicht durch Schnürung von unten. Das war ein konzeptueller Bruch: Zum ersten Mal war die Brust nicht eingefasst, sondern getragen.

Die Idee setzte sich nicht sofort durch. Das Korsett blieb noch Jahrzehnte Standard. Aber Cadolle hatte eine Frage gestellt, die nicht mehr verschwand: Was, wenn der Halt von oben kommt statt von unten?

1914: Das Patent, das den BH benannte

Mary Phelps Jacob – eine New Yorker Societydame – ließ sich 1914 ein zweiteiliges Brustkleidungsstück aus zwei Taschentüchern und einem Band patentieren. Sie nannte es Backless Brassiere. Das war kein technischer Durchbruch. Es war ein kultureller Moment: Zum ersten Mal wurde ein Kleidungsstück, das ausschließlich die Brust stützte, offiziell als eigenständige Kategorie anerkannt – und von einer Frau vermarktet, die es für sich selbst erfunden hatte, weil ihr Korsett unter einem rückenfreien Kleid sichtbar war.

Jacob verkaufte ihr Patent kurz darauf an Warner Brothers Corset Company für 1.500 Dollar – heute wären das ungefähr 45.000 Euro. Die Firma machte in den folgenden Jahrzehnten Millionen damit.

Der Erste Weltkrieg als Beschleuniger

1917 bat die US-Regierung Frauen, keine Korsetts mehr zu kaufen. Der Stahl wurde für die Kriegsindustrie benötigt. Die Schätzung: Durch den Verzicht auf Korsetts wurden genug Metall für zwei Kriegsschiffe eingespart. Was als patriotische Geste begann, veränderte eine Gewohnheit dauerhaft. Frauen, die während des Krieges ohne Korsett auskamen, kehrten nicht alle zurück.

Das war keine feministische Entscheidung – zumindest nicht bewusst. Es war pragmatisch. Aber die Konsequenz war dieselbe: Der Körper unter der Kleidung begann, sich neu zu definieren.

Die 1920er bis 1960er: Cup-Größen und die Vermessung der Brust

In den 1920er Jahren kam etwas hinzu, das die BH-Geschichte grundlegend verändern sollte: das Cup-System. Erstmals wurde die Brust nicht als Einheit betrachtet, sondern als Volumen, das variiert. 1932 führte die Firma S.H. Camp and Company als eine der ersten ein System mit Cup-Bezeichnungen ein – A, B, C, D – basierend auf der Differenz zwischen Unterbrustmaß und Brustumfang.

Das klingt logisch. Es hatte aber einen Haken, der bis heute besteht: Das System ging davon aus, dass gleiche Differenzmaße gleiches Volumen bedeuten. Tun sie nicht. Eine 70D und eine 85D haben denselben Buchstaben, aber völlig unterschiedliche Cupvolumen. Was 1932 vereinfacht wurde, verwirrt Frauen noch heute beim Kauf.

Schematische Zeichnung zweier BHs – 70D und 85D – nebeneinander, mit Beschriftung des tatsächlichen Cupvolumens als Volumenvergleich, keine Körper, nur die BHs mit Maßangaben

Die 1960er und 1970er: Verbrennen oder Behalten?

1968 demonstrierten Frauen beim Miss-America-Wettbewerb in Atlantic City. Sie warfen Korsetts, Stöckelschuhe, Lockenwickler – und BHs in einen Mülleimer. Verbrannt wurde nichts, trotz des Mythos. Aber das Bild des Bra Burning war in der Welt.

Was dieser Moment wirklich bedeutete: Der BH wurde zum Symbol dafür, dass Körperliche Unterwerfung unter gesellschaftliche Normen freiwillig war – und aufkündbar. Nicht alle Frauen zogen dieselbe Konsequenz. Viele trugen weiter BH, aus praktischen Gründen, aus persönlicher Präferenz oder weil ihre Brüste Unterstützung brauchten, die sie sich nicht wegdiskutieren konnten. Die Debatte, die damals begann – BH als Befreiung oder als Einschränkung? – ist bis heute nicht beendet.

Was heute anders ist – und was nicht

Moderne BHs haben Trägermaterialien, die dehnen und stützen gleichzeitig. Es gibt Konstruktionen ohne Bügel, die trotzdem Halt geben, weil die Nahtführung des Cups das übernimmt. Es gibt Größensysteme, die über den Standard hinausgehen – mit Bandgrößen unter 60 und über 100, mit Cups jenseits des G.

Was sich nicht verändert hat: Das Grundproblem des Passform-Systems. Die meisten BHs werden noch immer in einem Größenraster produziert, das die Breite des tatsächlichen Körperspektrums nicht abbildet. Die Bandbreite an Brustformen – flach, rund, ost, west, tubulär, asymmetrisch – wird von der Industrie bis heute nicht systematisch adressiert. Was sich seit 1932 verändert hat, ist die Auswahl. Was sich nicht verändert hat, ist die Lücke zwischen dem, was Frauen brauchen, und dem, was gebaut wird.

Das wissen wir nicht aus der Geschichte. Das wissen wir aus dem Fitting-Raum.

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