Wie viel Prozent der Frauen tragen keinen BH?

Die stille Mehrheit: Wie viele Frauen tragen heute keinen BH – und warum das die Lingerie-Industrie nervös macht

Irgendwann in den letzten Jahren hat sich etwas verschoben. Nicht laut, nicht als Manifest – sondern ganz leise, in Millionen Schubladen, in denen BHs liegen, die niemand mehr herausholt. Die Frage, wie viele Frauen keinen BH tragen, hat keine saubere Antwort. Aber die Zahlen, die es gibt, erzählen etwas Interessantes.

Was die Zahlen tatsächlich sagen

Studien aus den USA und Westeuropa deuten darauf hin, dass zwischen 25 und 35 Prozent der Frauen keinen BH tragen – zumindest nicht täglich. Das ist kein Randphänomen mehr. Manche Erhebungen, darunter eine von YouGov aus dem Jahr 2021, zeigen, dass besonders junge Frauen unter 30 den BH zunehmend weglassen: In dieser Altersgruppe gaben in einigen Befragungen bis zu 40 bis 50 Prozent an, regelmäßig auf ihn zu verzichten.

Diese Zahlen sind mit Vorsicht zu genießen – Selbstauskünfte in Umfragen spiegeln nicht immer den Alltag. Aber die Richtung ist eindeutig: Der BH verliert als Selbstverständlichkeit an Boden.

Infografik-Stil: Kreisdiagramm oder einfache visuelle Aufschlüsselung – Anteil Frauen die täglich BH tragen vs. nie vs. situationsabhängig, neutral und sachlich gestaltet

Warum die Pandemie einen Wendepunkt markiert hat

Der Lockdown hat aus einem schleichenden Trend einen messbaren Bruch gemacht. Frauen, die über Monate zuhause arbeiteten, haben den BH abgelegt – und viele haben ihn danach nicht wieder angelegt. Das ist kein Zufall. Wer einmal merkt, dass der Tag ohne Unterdrustband und Bügel genauso funktioniert, hinterfragt, warum er ihn je trug.

Laut einer Umfrage des US-Marktforschungsunternehmens NPD Group gingen die BH-Verkäufe allein 2020 um über 12 Prozent zurück – während Loungewear-BHs und Bralettes zulegten. Das zeigt: Frauen haben den BH nicht abgeschafft, sie haben ihn neu definiert.

Kleine Körbchen, große Körbchen – verzichten nicht alle gleich

Es gibt eine Körperdimension, die in dieser Debatte fast immer fehlt: die Brustgröße. Frauen mit einem A- oder B-Körbchen erleben das Weglassen des BHs körperlich anders als Frauen mit einem E- oder F-Körbchen. Das ist keine Wertung – das ist Physik.

Ab einer bestimmten Brustmasse beginnt das Bandscheibengewebe der Wirbelsäule die fehlende externe Unterstützung zu kompensieren. Ob das langfristig zu Beschwerden führt, hängt von Körperhaltung, Muskelstruktur und individueller Anatomie ab – pauschale Aussagen sind hier unseriös. Was Erfahrungswissen aus der Beratung zeigt: Viele Frauen mit großen Körbchen, die den BH weglassen, berichten nach Stunden des Stehens oder Laufens von Rücken- oder Schulterschmerzen. Nicht alle – aber genug, dass es kein Zufall ist.

Was Frauen wirklich stört – und warum sie trotzdem nicht zur Beratung gehen

In Gesprächen mit Kundinnen höre ich seit Jahren dieselben Sätze: „Er rutscht nach oben.“ „Die Träger schneiden ein.“ „Nach dem Mittag will ich ihn nur noch ausziehen.“ Das ist kein Zeichen, dass der BH als Kleidungsstück gescheitert ist. Es ist ein Zeichen, dass die meisten Frauen einen BH in der falschen Größe tragen.

Schätzungen aus der Fachberatung – nicht aus kontrollierten Studien, das sei klar gesagt – gehen davon aus, dass bis zu 80 Prozent der Frauen in einer Größe tragen, die nicht zu ihnen passt. Zu enges Band, zu kleiner Cup, zu breiter Trägerabstand. Wer jeden Tag Schmerzen hat, hört irgendwann auf, nach der richtigen Größe zu suchen – und legt das Ding einfach weg.

Zwei Seitenansichten im Vergleich: links ein BH dessen Unterbrustband nach oben wandert und dessen Träger einschneiden – rechts derselbe Körper mit einem korrekt sitzenden BH, Band horizontal, Träger locker anliegend. Beide BHs vollständig sichtbar mit beiden Trägern.

Braless als Haltung – nicht nur als Entscheidung

Es wäre zu einfach, den Trend allein mit schlechter Passform zu erklären. Für viele Frauen ist das Weglassen des BHs eine bewusste Aussage – gegen einen Dress Code, der nie hinterfragt wurde. Der BH war Jahrzehnte lang ein unsichtbarer Pflichtgegenstand: Du trägst ihn, damit andere nichts sehen, das sie nicht sehen sollen. Dieses Mandat verliert an Kraft.

Bewegungen wie Free the Nipple oder der Einfluss von Social Media haben das Sichtbarmachen von Brustwarzen durch Stoff entnormalisiert – als Tabu, nicht als Körper. Das ist eine kulturelle Verschiebung, keine modische. Und sie erklärt, warum der Trend besonders bei jüngeren Frauen stark ist: Sie haben die Norm nie so tief verinnerlicht wie die Generationen vor ihnen.

Was das für dich bedeutet – wenn überhaupt etwas

Ob du einen BH trägst oder nicht, ist eine Entscheidung, die niemand außer dir treffen kann. Was ich dir als Beraterin sagen kann: Wenn du ihn trägst und er wehtut, liegt das fast nie an deinem Körper. Es liegt an der Größe. Ein BH, der passt, erinnert dich nicht daran, dass du ihn trägst.

Und wenn du ihn nicht trägst und damit beschwerdefrei durch den Tag kommst – dann ist das deine Antwort. Der BH ist kein moralisches Objekt. Er ist ein Kleidungsstück. Manchmal das richtige, manchmal nicht.

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